
Zwischen Hoffnung und harter Realität in Boca Chica
Der Schweizer Botschafter Pascal Bornoz mit Delegation zu Besuch im Refugio
Wir hatten die grosse Ehre, in unserem Heim Refugio in Boca Chica, den Schweizer Botschafter, Pascal Bornoz, seine Familie, eine weitere Mitarbeiterin, sowie den Leiter für Entwicklungszusammenarbeit zwischen der Schweiz und Haiti empfangen zu dürfen! Auch wir stellten uns die Frage, wie es dazu kommt, dass der höchste Schweizer Repräsentant, der für die Beziehungen zwischen der Schweiz und mehreren karibischen Staaten zuständig ist, sich für unser kleines Projekt interessiert. Botschafter Bornoz beschäftigt das bedrückende Schicksal der unzähligen haitianischen Strassenkinder in der Dominikanischen Republik und will sich des „sensiblen Dossier“ annehmen. In einer bewegenden Runde, in der sich alle einander vorstellten, konnten auch die Jungs einen Einblick in ihr Leben geben. Sichtlich bewegt von dem Gehörten meinte Herr Bornoz, dass er bereits einige Ideen hätte, wie wir gemeinsam die Situation der Jugendlichen verbessern könnten, er will nach seinen Ferien wieder Kontakt mit uns aufnehmen. Besonders dankbar bin ich, dass auch Pierre, der Leiter unseres Heims in Les Cayes (Haiti) anwesend sein konnte. Im November wird der Botschafter in Les Cayes sein und hat bereits seine Absicht angekündigt, das Heim in Les Cayes zu besuchen! Abschliessend hat die ganze Runde herzhaft die selbst gekochten haitianischen Spezialitäten und die legendären Fruchtmilch-Shackes der Jungs genossen. Dieser Besuch war für uns alle eine grosse Ermutigung und auch Anerkennung für die enorme Arbeit, die von unseren Verantwortlichen geleistet wird.
In der Mitte: Botschafter Bornoz bekundet seine Absicht, uns zu unterstützen – das selbstgekochte haitianische Mittagessen fand grossen Anklang.

Herausforderungen: Trennung von zwei Jugendlichen – zwei Jugendliche weiterhin deportiert in Haiti
Wir mussten uns von zwei Jungs trennen, da weder ihr Verhalten noch ihre Werte mit unseren Vorstellungen kompatibel waren. Thomas und Polo sind jedoch weiter mit beiden Jugendlichen im Kontakt. Den einen Jugendlichen, der von Anfang an dabei war und auch viel Verantwortung übernommen hat, jedoch aufgrund seines Drogenkonsums und seiner Gewaltbereitschaft in der Gruppe untragbar wurde, haben wir in einem externen Zimmer untergebracht. Er soll sich dort im nächsten halben Jahr beweisen. Auch diese «Misserfolge» sind eine Realität in unserem Heim, die ich euch nicht vorenthalten will und wohl nicht zu verhindern sind, wenn man mit Jugendlichen arbeitet, die jahrelang auf der Strasse überlebt und auch gekämpft haben. Leider ist es Bébé und Ashley, die von der Migrationspolizei nach Haiti deportiert wurden, noch nicht gelungen nach Boca Chica zurückzukehren. Da sie jedoch in Haiti von der Zwangsrekrutierung durch Gangs bedroht sind, werden sie die lange strapaziöse Reise erneut in Angriff nehmen.
Gewalt, Perspektivenlosigkeit und Elend der Jugendlichen auf den Strassen von Boca Chica
Noch immer sind zwischen 20 und 25 Jugendliche ohne ein Zuhause. Dabei ist neben dem täglichen Überlebenskampf die Gewalt zwischen rivalisierenden Gruppen ein latentes Problem. Ihre Verzweiflung und Perspektivenlosigkeit machen uns zu schaffen.
Immer wieder hören wir von gewalttätigen Auseinandersetzungen und fast immer geht es um Geld oder Drogen.
Einer der verletzten Jungs nach einer Schlägerei – nicht immer sind sie so friedlich wie auf dem Bild rechts

Semedo, der Bub auf den folgenden Bildern ist kaum älter als zehn. Er ist aus Port-au-Prince geflüchtet und erst seit einigen Tagen in Boca Chica. Nun sucht er seinen Platz in der Gruppe und kämpft Tag für Tag, um ein wenig Essen und gegen die Angst von der Migrationspolizei deportiert zu werden … Wir würden ihn gerne aufnehmen, doch Semedo hat von uns den Spitznamen «le petit sauvage» erhalten: Der kleine Wilde! Er ist kaum zu führen, kann keine zehn Sekunden ruhig sein, der Bub ist überall und nirgends… Die anderen Jungs sagen, er sei bereits kokainabhängig. Ich habe ihn an einem Morgen schlafend in einem Autowrack gefunden. Spontan entschied ich mich, ihn mit einem Frühstück zu überraschen. Freudig hat er mir später davon erzählt! Solch kleinen Erlebnisse sind für mich ungemein wertvoll. Wenn wir die Worte Jesu ernst nehmen, so schauen wir ins Angesicht Jesu, wenn wir Semedo sehen. Polo, unser haitianischer Mitarbeiter wird die Aufgabe haben, ihn in den kommenden Wochen auf der Strasse zu begleiten, um herauszufinden, ob wir ihn in der Dépendance für die Integration ins Refugio vorbereiten können. Dazu unten gleich mehr.
Semedo – der kleine Wilde – unendlich geliebt von Gott

Nach wie vor muss die Mehrzahl der Jugendlichen in Bauruinen oder Autowracks die Nächte verbringen – in der ständigen Angst, von der Migrationspolizei aufgespürt und verhaftete zu werden.




