
Reisebericht Boca Chica
Ein Meilenstein – die meisten Strassenjungs haben eine Unterkunft!
Erweiterung der Unterkünfte
Vorweg das Ermutigende: Wir konnten neben dem Heim REFUGIO zwei weitere kleine Wohneinheiten mieten, in denen weitere acht Jugendliche Schutz finden. Die meisten der uns bekannten Strassenjugendlichen haben nun ein Dach über dem Kopf! Teilweise teilen sie sich zu zweit oder sogar zu dritt ein Bett, aber sie können geschützt übernachten und das ist ein grosser Fortschritt. Die Unterstützung einer Haitianerin, die in Kanada wohnhaft ist und sich ebenfalls für die Strassenjugendlichen engagiert, ist eine grosse Ermutigung. Von uns können somit zurzeit maximal 16 Kinder und Jugendliche betreut werden. In den weiteren, von der Haitianerin finanzierten Wohneinheiten finden weitere 8 bis 10 Jugendliche Schutz.
Ein erster Meilenstein ist erreicht: - Die meisten Jugendlichen in Boca Chica haben ein Dach über dem Kopf
Zur Erinnerung: Bilder von der Reise im August 26. Sie zeigen, unter welch unwürdigen Verhältnissen die Kinder und Jugendlichen ihre Nächte verbringen mussten. Solche Situationen wollen wir künftig vermeiden.

Die DEPENDANCE und drei der vier Jungs, die dort Schutz gefunden haben. Für sie ist es ein Zuhause, nachdem sie teilweise schon seit Jahren auf der Strasse gelebt haben.

Ein Familienphoto. Ein Bett und die tägliche Betreuung sind die Grundlagen für eine Zukunftsperspektive. Auch wenn es ein langer Weg bleibt.

Und so sind die Jungs nun untergebracht: Rechts auf dem Bild ist Polo zu sehen. Er ist verantwortlich für die zusätzlichen beiden Wohneinheiten. Dies bedeutet, dass er sie täglich besucht, für die Ordnung besorgt ist und auch dafür, dass die Jungs in die Schule gehen.

Auch dieses Bild ist voller Hoffnung: Bébé, der Jugendliche in der Mitte, macht seine Aufgaben, seine Kollegen sitzen entspannt bei ihm im Kreis. Eine Normalität, die diese Jungs wohl so noch kaum erlebt haben.
Das 3-stufige Betreuungskonzept in Boca Chica
Das Konzept in Boca Chica ist das Folgende:
In der niederschwelligsten Wohneinheit, wir nennen sie ANNEX, stellen wir lediglich Matratzen und Leintücher zur Verfügung. Es ist eine eigentliche Notunterkunft, in der wir maximal vier Jugendliche aufnehmen können.
In der zweiten Wohneinheit, wir nennen sie DEPENDANCE, findet das Akklimatisieren jener Jugendlicher statt, die sich für die Aufnahme im REFUGIO qualifizieren wollen. Dazu gehört die Bereitschaft auf den Konsum von Suchtmitteln so weit als möglich zu verzichten, die Schule zu besuchen, sich aktiv an der Gemeinschaft und am Dienst an der Gemeinschaft zu beteiligen und die Regeln des REFUGIO zu respektieren. Auch in dieser Wohneinheit haben maximal vier Jugendliche Platz.
Sodann ist noch das REFUGIO zu erwähnen, in dem wir 8 bis maximal 9 Jugendliche aufnehmen können. Ziel ist es, die Jüngsten in ihrem Sozialverhalten zu stärken, sie dem Bildungswesen zuzuführen und sie zusätzlich schulisch zu fördern.
Somit sind wir in der Lage, zwischen 15 und 16 Jugendlichen eine sichere Unterkunft mit einer Perspektive zu geben.
Neuankömmlinge
Auch wenn die meisten der bereits länger anwesenden Jungs nun eine Unterkunft haben, so bleiben die neu ankommenden Kinder und Jugendlichen eine stetige Herausforderung. Die Zustände, insbesondere für Buben sind in Haiti dermassen bedrohlich, dass viele die Gefahren der Flucht in die Dominikanische Republik einer allfälligen Zwangsrekrutierung oder dem steten Hunger vorziehen.


Die Bilder zeigen weitere, neu angekommene Kinder in Boca Chica. Auch sie sollen zumindest geschützt schlafen können. Doch bereits das Finden eines Vermieters, der bereit ist, seine Zimmer für illegal anwesende Kinder und Jugendliche zu vermieten, ist schwierig.
Auch diese beiden Jungs unten auf den Bildern sind gerade aus Santo Domingo angekommen. Völlig verdreckt und erschöpft bettelten sie um Kleingeld. Das ist ihr alltäglicher Überlebenskampf. Was mich bewegt: Die Beiden passen bereits seit mehreren Jahren aufeinander auf und sind gemeinsam unterwegs.
Leider konnten wir sie nicht in unseren Wohneinheiten aufnehmen, da der Vermieter gegenüber dem ältere Jugendlichen Vorbehalte hatte. Aber wir haben ihnen neue Kleider gegeben und die nötigen Mittel, um sich für zwei, drei Nächte in einer billigen Unterkunft zu erholen.


Sie durften bei uns duschen und sich neu ankleiden. Die 2000 Pesos (rund 28 Franken) gaben ihnen eine Verschnaufpause in ihrem anstrengenden Überlebenskampf. Dieser Tag war ein guter Tag für die Beiden. Und nur das zählt. Was morgen ist, darüber machen sie sich keine Gedanken. Nur das Überleben am heutigen Tag ist real.

Die Verwandlung von Wilkens – dafür setzen wir uns ein

Das ist Wilkens, das Alter ist – wie so oft – nicht klar. Die wenigstens der Jungen kennen ihren Geburtstag.
Wilkens kam alleine in Boca Chica an. Totale Einsamkeit. Verloren in einer Welt, in der sich absolut niemand um ihn kümmert. Bis Polo ihn getroffen hat. Wir konnten ihn sofort aufnehmen. Gestern Abend ging er zum ersten Mal mit den andern in die Schule. Links auf dem Bild ist Wilkens als Polo ihn zum ersten Mal angetroffen hat. Es ist bewegend, wie sein Gesicht sich innerhalb zweier Wochen verändert hat.

Und nun ist Wilkens stolzer Schüler! Was für eine Verwandlung! Rechts von Wilkens steht Polo, unser haitianischer Mitarbeiter, ohne seine kulturellen und sprachlichen Kenntnisse, wäre die Betreuung der Jugendlichen viel schwieriger.


Zusätzlich zur Abendschule unterrichtet ein Lehrer die Jungs zwei Mal wöchentlich vormittags im REFUGIO. So verbessern sie die dringend nötigen Spanischkenntnisse.
Die Gewalt auf der Strasse
Viele der Jungs sind ohne jede Tagesstruktur und ohne Begleitung. Gewalt, Kriminalität, Drogenkonsum und Prostitution sind stetige Gefährdungen. Unsere Leiter sind regelmässig im Kontakt mit den Jugendlichen auf der Strasse.


Die hohe Gewaltbereitschaft der Jungs macht uns Sorgen. Meistens geht es um ein paar Pesos. Sie schrecken nicht davor zurück, mit Macheten aufeinander loszugehen.
Dies folgenden Bilder sind eine Zumutung, aber sie zeigen die brutale Realität dieser Jugendlichen. Wir brachten den Jungen in die Klinik. Die körperliche Wunde verheilt, was weniger schnell verheilt sind die seelischen Verletzungen, die solche Strassenkämpfe hinterlassen.
Besuch beim Schweizer Botschafter
Erneut wurde uns eine grosse Ehre zu Teil: Der Schweizer Botschafter, Pascal Bornoz, hat uns in der Botschaft in Santo Domingo empfangen.
Mit dabei beim angeregten Austausch waren überdies die stellvertretende Missionschefin und Betriebsleiterin, Frau Priska Ekerue, die Assistentin des Botschafters und Kulturbeauftrage, Frau Ingrid Reyes Schmitz, sowie Frau Valeria Jäggi, akademische Praktikantin. Das grosse länderspezifische Wissen der Genannten ist für uns von unschätzbarem Wert. Botschafter Bornoz bekundete überdies seine Bereitschaft, uns auch weiterhin beratend zur Seite zu stehen, was alles andere als selbstverständlich ist und wofür wir ausserordentlich dankbar sind. Einmal mehr war diese Begegnung eine grosse Ermutigung für uns.

Gruppenbild nach dem Treffen mit Botschafter Bornoz und Missionschefin Ekerue
Initiierung der Vereinsgründung
Botschafter Bornoz hat uns geraten, so schnell als möglich einen Verein zu gründen, da wir dadurch zu einem offiziellen Ansprechpartner werden und somit auch die Vernetzung mit internationalen und nationalen Institutionen vereinfacht wird.

Auf dem Bild sehen wir Thomas Pique, unser Leiter in Boca Chica und unsere Anwältin, die den mehrmonatigen Gründungsprozess begleitet.

Ein Bild das mich begleiten wird: Es entstand nach einem Treffen mit den älteren Jugendlichen. Es ist mein grosser Herzenswunsch, dass sie in ihrer prekären Lebenssituation durch unsere Gegenwart die Liebe Gottes erfahren dürfen.

Abschliessend noch ein Bild der Hoffnung: Die Jungs des REFUGIO vor dem allabendlichen Schulgang.
Es ist ein langer Weg, aber unsere Leiter, Thomas Piquet und Polo Lubin, leisten einen bewundernswerten Einsatz.
Wenn ich diese Jungs in ihren Schuluniformen sehe und mich daran erinnere, wie sie vor nicht allzu langer Zeit verloren auf der Strasse überlebten, dann weiss ich, dass es richtig ist, was wir tun. Auf SEIN Wort hin, denn was wir einem seiner geringsten Brüder getan haben, das haben wir IHM getan.










